Statt vor dem Schmerz zu fliehen, kannst du ihn ganz annehmen?
Einfach entspannen – wie im Yoga.
— Michael Singer (gekürzt)
Einfach entspannen – wie im Yoga.
— Michael Singer (gekürzt)
Krampf!
Ich erwachte, weil mein Körper mich überrumpelte. Im Schlaf zog sich die Wade zusammen, abrupt und schmerzhaft, grell und fordernd. Kein Vorlauf, kein Ausweichen. Mein Bein entzog sich mir vollständig. Für einen Moment gab es nur Enge. Panik flackerte auf, Zeit verlor ihre Ordnung. Meine Hand suchte den Muskel, rieb und drückte – nicht aus Wissen, sondern aus Instinkt, als ließe sich der Körper so zurückholen. Später sagten die Uhren: wenige Minuten. Mir kam es endlos vor, zäh und unerbittlich.
Dann Wärme. Ich legte eine Wärmflasche an, und der Krampf löste sich, fast unspektakulär. So plötzlich, wie er gekommen war. Zurück blieb Stille, ein feines Nachbeben des Staunens. Als hätte etwas Fremdes kurz gesprochen und sei wieder gegangen. Der Verstand übernahm pflichtbewusst: zu wenig getrunken, zu viel getan, Mineralstoffe fehlen. Er ordnete, beruhigte, schloss Akten. Der Körper hingegen schwieg. Und ich blieb mit dem klaren Gefühl zurück, wie schmal die Trennlinie ist zwischen Schlaf und diesem dringlichen, nicht zu überhörenden Wehtun. Der Schmerz befahl mir: Schau hin!
Schmerz als Erfahrung im Bewusstsein
Die Meditationslehrerin Willa Blythe Baker beschreibt Schmerz nicht zuerst als Störung, sondern als Zugang. Schmerz gehört zum Menschsein. Leiden entsteht häufig erst durch den Widerstand dagegen. Wird Schmerz achtsam wahrgenommen – ohne Flucht und ohne Erklärung –, verliert er oft seine Schärfe. Er muss nicht verschwinden, um seine Macht zu verlieren. Er wird zu etwas, das geschieht – nicht zu dem, was wir sind.
Auch Stephen Levine spricht von diesem behutsamen Hinwenden. Wo Kontrolle an ihre Grenze kommt, tritt Mitgefühl ein. Ein stilles inneres Einverständnis – Das darf jetzt da sein – kann die Beziehung zum Schmerz grundlegend verändern. Besonders dort, wo nichts mehr gelöst oder repariert werden kann, in Krankheit, im Abschied, in tiefer Trauer, wird diese Haltung tragend.
Bewusstsein in Beziehung setzen
Praktisch heißt das: im Körper bleiben. Empfindungen klar wahrnehmen, ohne sie sofort einzuordnen, und den Atem als Halt nutzen. Unterscheiden lernen zwischen dem rohen Schmerz und dem, was wir hinzufügen: Angst, Widerstand, innere Kommentare. In der meditativen Praxis laden Baker und Levine dazu ein, den Schmerz zu benennen, ohne sich mit ihm zu verwechseln, und zu beobachten, wie Körper und Geist darauf reagieren.
Schmerz zeigt, wie sich Bewusstsein verengt – und wie es sich wieder öffnen kann. Bewusstsein ist kein Ort außerhalb des Körpers. Chronischer Schmerz lässt sich nicht umgehen, aber er ist nicht alles. Präsenz wird zum Raum: Ich bin nicht mein Schmerz. Ich nehme ihn wahr. Darin liegt eine leise Befreiung. Bewusstsein wird weiter als das, was weh tut.
Nachspüren
Was geschieht, wenn wir Schmerz nicht nur fühlen, sondern ihn im Bewusstsein halten – als Raum, in dem Erinnerung, Sorge und die Frage nach dem nächsten heilsamen Schritt zusammenkommen?
Podcast-Meditation Schmerzen auflösen
Gerald Blomeyer, Berlin am 18. Januar 2026
Vertiefung
Image by Gabriel Douglas from Pixabay