Gefühle kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Das achtsame Atmen ist mein Anker im Hier und Jetzt.“ – Thich Nhat Hanh

Die Einheit von Geist und Körper ist eine objektive Realität. Sie sind nicht nur Teile, die irgendwie miteinander verbunden sind, sondern ein untrennbares Ganzes, das funktioniert. Ein Gehirn ohne Körper könnte nicht denken.“ – Moshe Feldenkrais

 

Können wir unsere Projektionen von der Realität unterscheiden?

Wir glauben, was wir denken, und wir reagieren darauf. Wir reagieren nicht auf die Außenwelt, sondern auf die Bilderschau in unserem Inneren. Wir haben uns so sehr in diese mentale Selbststimulation verirrt, dass wir oft den Kontakt mit dem verlieren, was hier und jetzt geschieht. Wir spüren nicht mehr, wo sich unser Körper im Raum befindet, wir nehmen unsere Atmung kaum wahr und vergessen das Gefühl, geerdet zu sein. Alles, was wir wahrnehmen, ist geprägt von anerzogenen Denkmustern und ausgedachtem Irrglauben. Erst wenn wir uns die subtilen Bewegungen, unsere Ziele, Erwartungen, unser Suchen klar vor Augen führen, können wir uns frei machen und erkennen, wer wir wirklich sind. Die englische, buddhistische Nonne Jetsunma Tenzin Palmo schreibt „Wir bemerken, dass ein neuer Aspekt des Geistes entsteht, der häufig als Zeuge, Seher, Wissender oder Beobachter bezeichnet wird. Er nimmt das Geschehen nur wahr, ohne zu urteilen oder zu kommentieren. Mit dem Zeugen erscheint ein Raum im Geist, der es uns ermöglicht, Gedanken und Gefühle zu sehen, ohne sie mit „ich“ oder „mein“ zu etikettieren.“ Dann können wir alle Gedanken und Gefühle annehmen und wählen, ob wir ihnen Energie geben oder entziehen wollen.

 

Der Körper ist immer dabei

Wir „entkörpern“ uns, indem wir im Kopf leben. Verstricken wir uns in Worte, können wir nicht aufmerksam erkennen, was hier und jetzt geschieht. Dennoch identifizieren wir uns mit unserem Körper, fühlen seine physischen Bestandteile, wir spüren die Festigkeit der Erde, das Flüssige des Wassers, die Hitze des Feuers und die Bewegung der Luft. Der Raum ist nicht ein weiteres Element sondern die Grundlage von allem. Unsere Vorstellung von Welt entsteht durch die Interaktion zwischen Raum und Umwelt. Die Neurowissenschaft hat erkannt, dass das Gehirn und der Körper so eng miteinander verwoben sind, dass sie nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Im Buch „The Embodied Mind“ zeigen die Autoren, dass unser Vorstellung der Welt entsteht, indem wir durch verkörperte Aktionen mit ihr in Verbindung treten. Das Gehirn ist ein selbstorganisierendes System. Sprache, Denken und Erkennen sind keine festen Bestandteile, sondern Beziehungen. Wir können uns also entweder darauf konzentrieren, was mit uns nicht stimmt, oder wir erkennen, was an uns richtig ist. Es ist einfacher, uns ganz zu fühlen, um uns den Herausforderungen unseres Lebens zu stellen. Dieses somatische Gefühl, das wir alle kennen, ist der Ausgangspunkt für Heilung.

 

Was weiß der Körper, dass der Verstand nicht weiß?

Im tibetischen Buddhismus nutzen einige Schulen yogischen Übungen, um den Körper und das Bewusstsein an die physischen und psychischen Grenzen bringen. Diese Übungen balancieren und verstärken somatische Prozesse, um ein müheloses Verweilen im Bewusstsein zu ermöglichen. In diesem Zustand werden Geist und Körper eins. Was der Körper weiß, können wir nur durch tiefes Zuhören herausfinden, d.h. unsere Aufmerksamkeit vom Drängen und Ziehen des Verstandes, ins Fühlen und Sein im gegenwärtigen Moment zu lenken. Die amerikanische Meditationslehrerin Willa Blythe Baker schreibt im Buch „The Wakeful Body“: „Um auf den Körper zu hören, muss der Verstand einen Teil seiner Kontrolle aufgeben und spüren, dass wir geerdet, präsent, intuitiv und nicht konzeptuell sind. Wir erfahren die Verkörperung als eine gefühlte Wahrheit und nicht als eine Idee.“ Indem wir unseren gegenwärtigen Körper spüren, können wir Frieden, Freiheit, Achtsamkeit und Mitgefühl als verkörperten Ausdruck erleben. Sie bringen uns näher an den Zufluchtsort des gegenwärtigen Moments und zur Fähigkeit, in der Offenheit des Nichtwissens zu ruhen.
Am Montag werden wir die Meditation „
Es gibt einen Körper“ üben.

Nachspüren

Fühlen wir uns nicht sicher, können wir von nichts überzeugt werden. Das Trauma passiert tief im Kern unseres Gehirns und Körpers. Um uns sicher zu fühlen, müssen wir lernen, uns selbst zu beruhigen. Eine einfache Technik: Lege die rechte Hand unter die linke Achsel an die Seite des Herzens. Lege die andere Hand unter die andere Achsel. Beobachte für zwei Minuten, was im Körper vor sich geht. Meist wirkt es beruhigend.

 

Gerald Blomeyer, Berlin am 7. Februar 2024

 

Image by 5033181 from Pixabay

 

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