„Indem wir mit uns selbst sprechen, werden wir bewusster. Wir denken, fühlen und handeln langsamer, anstatt von unseren Gedanken bombardiert zu werden.“
Dr. Jessica Nicolosi, Psychologin in New York

Eine Art emotionaler Selbstbeherrschung

Selbstgespräche helfen uns, emotionale Reaktionen loszulassen. Sie erlauben uns, mit intensiven Gefühlen wie Angst und Trauer distanzierter umzugehen. Laut einer Studie von Forschern der University of Michigan ist das Selbstgespräch in der dritten Person ein effektiver Weg, um sich zu beruhigen. Wenn wir etwas laut aussprechen, verlangsamen wir unsere Gedanken, weil wir die Sprachzentren unseres Gehirns aktivieren. Das laute Selbstgespräch ist dabei nur eine Erweiterung des leisen. Wir fühlen uns nicht mehr allein, wenn wir uns selber wie einem guten Freund mitfühlend zuhören. Das macht uns geduldiger, konzentrierter und selbstbewusster. Je mehr wir uns selber zuhören, um so besser gehen wir mit uns und anderen um. Wir können Selbstgespräche quasi als „gesprochenes Tagebuch“ nutzen, um Emotionen wie Wut, Trauer, Verwirrung und Stress zu verarbeiten.

Selbstgespräche können uns anfeuern. Untersuchungen im Sport bestätigen die positive Wirkung von ermutigenden Worten auf die Leistung. „Wenn die Selbstgespräche jedoch neutral sind, etwa ‚Was muss ich tun?‘, oder positiv, wie ‚Ich kann das schaffen‘, dann ist das Ergebnis viel effektiver,“ sagt die amerikanische Ergotherapeutin Dr. Julia Harper. Selbstgespräche sind von Vorteil, kommentiert sie, wenn wir darauf achten, wie wir mit uns selbst sprechen. Bei positiven Selbstgesprächen geht es um neutrale und hilfreiche Aussagen, die uns zum Erfolg inspirieren. Wichtig ist der Inhalt und der emotionale Tonfall dessen, was wir sagen.

Hingegen können negative Selbstgespräche, ein negatives Ergebnis herbeireden. Wir sollten sie schnell erkennen und gezielt unterbrechen. Plappernde Gedanken, die in alle Richtungen laufen und unfähig sind, sich auf relevante Informationen zu konzentrieren, können negativ auf unsere geistige Gesundheit wirken. Ein unkontrollierter Geist kann unbewusst beliebige Ideen miteinander verknüpfen und unsinnige Assoziationen schaffen, die zu unangemessenen Handlungen führen können.

Das Gedankenkarussell anhalten

Wer grübelt, regt sich selber auf. Je erregter wir sind, desto stärker wird der Drang zum Grübeln, was das Risiko einer klinischen Depression mit sich bringen kann. Wenn wir uns stark auf schmerzhafte Emotionen und Erlebnisse fokussieren, kann das unsere Stimmung verderben und unsere Sicht der Dinge verzerren. Wir sehen unser Leben negativ, fühlen uns hilflos und hoffnungslos. Wer dem Grübeln nachgibt, setzt auch ohne besonderen Anlass das Gedankenkarussell in Gang.

Der innere Kritiker vertritt die Stimmen, die uns irgendwann tatsächlich kritisiert oder herabgesetzt haben. Wenn häufig gesagt wurde: „Du bist nutzlos“, ist es nicht verwunderlich, dass wir das irgendwann selber denken. Wenn wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Wettbewerb, ein Gefühl des Mangels oder Scham eine große Rolle spielten, empfinden wir diese Art zu denken und zu fühlen normal. Das kann zu chronischen Selbstzweifeln und geringem Selbstwertgefühl führen. Viele Menschen sind überrascht, wenn sie feststellen, dass ihr innerer Kritiker verdächtig nach ihren Eltern, früheren Lehrern oder anderen kritischen Respektspersonen klingt. Es kann heilsam sein, zu erfahren, dass unsere inneren Stimmen gar nicht alle uns gehören.

Wenn wir in der Lage sind, das Selbstgespräch richtig einzusetzen, kann das helfen, unsere Ziele zu erreichen. Denn Selbstgespräche helfen dem Gehirn, die Gedanken zu ordnen, Erinnerungen zu festigen, Gefühle zu regulieren und zukünftiges Verhalten zu planen. Distanzierte Selbstgespräche fördern die Selbstkontrolle und kluge Überlegungen. Wenn sie bewusst geführt werden, wirken sie positiv auf die Art, wie wir uns Selbst sehen. Denn, wer sich selber zuhört, nimmt sich auch selbst wahr. Wir haben dann das Selbstvertrauen, um erfolgreich zu handeln.

Fazit: Was wir über uns denken, wann und wie wir es sagen, bestimmt unser Selbstwertgefühl. Wenn wir mit uns sprechen, nehmen wir uns vor, bewusst zuzuhören. Am Montag werden wir dies in der Meditation Des Augenblicks gewahr sein üben.

Gerald Blomeyer, Berlin 1. September 2021

 

Foto: (c) ilkka-karkkainen-yn8aHOdNLZo-unsplash

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