Wenn es eine Möglichkeit gibt, Probleme zu umgehen, warum sollte man sich darüber Sorgen machen; wenn es keinen Weg gibt, welchen Zweck hat es dann, sich Sorgen zu machen?“ – Shantideva (685 – 763), indischer Gelehrter

It’s never the stress. It’s how you choose to be in relationship to it. … Real stress comes from thinking.“ – Jon Kabat-Zinn

In der Zeit von COVID-19 haben wir Freiheiten verloren, die wir zuvor genossen haben. Isolation war ein Mittel, um das Virus unter Kontrolle zu halten. Doch das widerspricht unserem Bedürfnis nach sozialer Interaktion, die uns hilft, Angst oder Wut zu bewältigen. Ein Großteil unserer Ängste rührt daher, dass wir uns machtlos fühlen. Furcht wurde zu einem unsichtbaren Monster, das nicht so schnell verschwinden wird. Es hat uns deutlich gemacht, dass wir nicht wissen, was im kommenden Monat passieren wird. Der Stress steigt, was sich sowohl auf unsere körperliche als auch geistige Gesundheit auswirken kann.

Die Angst vor dem Unbekannten
Forscher der New York University haben nachgewiesen, dass Angst zu Verhaltensweisen führt, die sowohl die Ausbreitung von Covid eindämmen als auch deren Ausbreitung verstärken kann. Sie sprechen von einer „dreifachen Ansteckung“: Krankheit, Angst und Verhalten. Ein Schlüssel dabei sei die Furcht vor dem Unbekannten bzw. unsere Intoleranz gegenüber Ungewissheit. Ständig von Ungewissheit bedroht zu sein, belastet uns. Wird unser Nachbar uns infizieren oder nicht? Dazu kommen Situationen, die unvorhersehbar und unkontrollierbar sind. In der Ungewissheit fokussieren wir uns auf negative Gefühle, was sich auf unser Wohlbefinden auswirkt. Wir leiden noch mehr, wenn wir uns gegen Veränderungen sträuben. In Wirklichkeit ist das Leben immer ungewiss. Wir hatten noch nie Kontrolle über Krankheit, Alter, Tod und so viele andere Dinge. Das Leben fordert uns, mit der Ungewissheit zurechtkommen.

Mit Ungewissheit leben
Es fällt uns schwer den Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle aufzugeben. Doch den Wandel nicht zu akzeptieren, beeinträchtigt unsere Lebensqualität. Je schneller wir uns anpassen können, desto besser läuft es. Für den englischen Philosophen Alan Watts ist Vertrauen eine Haltung, die offen ist für alles, was kommen mag. Es geht nicht darum, die richtige Entscheidung zu treffen, sondern unserer Fähigkeit zu vertrauen, uns der Entscheidung anzupassen, die wir treffen. Anstatt die Ungewissheit beseitigen zu wollen, sollten wir uns mit ihr wohlfühlen, mit ihr spielen. Das Wesentliche des Spiels ist ja, nicht zu wissen, wie es ausgeht. Wie der sino-amerikanische Kampfkünstler und Schauspieler Bruce Lee sagte: „Sei wie Wasser.“ Da sich Wasser an alles anpassen kann, hat es die Kraft, alles zu verändern. Wir können wie das Wasser sein, indem wir uns an die Umstände um uns herum anpassen und gleichzeitig diese Umstände gestalten. Indem wir die Ungewissheit strategisch nutzen, können wir unsere innere Freiheit erfahren und die Illusion der Gewissheit loslassen.

Furcht ist eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen
Geschichten regen unser Gehirn an, wie es reine Fakten nicht tun. Sie schaffen unsere Wirklichkeit. Angst ist auch eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Sie sucht nach Bestätigung. Das kann sie so verstärken, dass wir uns hilflos und überwältigt fühlen. Der amerikanische Meditationslehrer Loch Kelly schlägt dagegen einen Perspektivwechsel vor. Was passiert, wenn wir uns fragen: „Was ist jetzt hier, wenn es kein Problem zu lösen gibt?“ Was passiert, wenn wir mit all unseren Sinnen wahrnehmen, und das Wesentliche dessen spüren, was wir sind? Indem wir erkennen, das die Furcht eine Geschichte ist, die im Bewusstsein erscheint, können wir beginnen, die Negativspirale aufzulösen.

Am Montag werden wir eine neue Meditation üben, die ich demnächst aufnehmen werde. Wer jetzt schon etwas hören möchte, empfehle ich den Podcast Der Angst begegnen.

 

Gerald Blomeyer, Berlin, 26. April 2022

 

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