„Diese bittersüße Tradition begleitet uns seit Jahrhunderten. Und was sie uns lehrt, ist, dass wir Geschöpfe sind, die geboren wurden, um Schmerz in Schönheit zu verwandeln.“ – Susan Cain, Bittersweet: How Sorrow and Longing Make Us Whole

„Der Schmerz der Liebe wurde für jedes Herz zur Medizin. Ohne Liebe könnte die Schwierigkeit niemals gelöst werden.“ – Attar (1119 -1220), persischer Dichter

„Liebe und Leiden sind mächtige transformierende Kräfte, da sie das Mysterium des Menschseins umarmen.“ – Llewellyn Vaughan-Lee, Transformation des Herzens



Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben
Neulich hatte ich starke Schmerzen. Weil alle meine „Krankheiten“ einen psychischen Hintergrund haben, wollte ich ihn erkennen. Es war, als ob ich einen psychischen Schmerz physisch erlitt. Vielleicht habe ich mich nach meiner verstorbenen Liebe gesehnt und durch diszipliniertes Verhalten meinen Gefühlen nicht ausreichend Raum gegeben. Als ich den melancholischen Schmerz der Sehnsucht zuließ und begrüßte, klärte sich allmählich mein Geist. Der Schmerz führte mich tief in mein Inneres. Mit meinem Verstand und intensiven Emotionen entstand die Klarheit, um diesen Zustand zu erkennen. Die Schmerzen waren kein Stein im Weg, sondern eine Einladung, sie zu nutzen, um mich auf die nächste Ebene zu bringen, die ich erleben möchte. Was schmerzhaft begann, hat sich nun in etwas Sinnvolles, ja sogar etwas Hilfreiches verwandelt, das ich jetzt schrittweise umsetze.


Das Bittersüße wertschätzt die kostbarsten Momente des Lebens und hilft, dass sie vergehen
„Das Bittersüße ist der Zustand, in dem wir wissen und akzeptieren, dass das Leben immer gleichzeitig Freude und Leid ist. Es ist hell und dunkel“, schreibt die amerikanische Bestseller-Autorin Susan Cain. Die Bittersüße umfasst auch Kummer und Trauer. Es ist „bittersüß“ sich nach etwas Schönem zu sehnen, das unerreichbar ist. Die Sufi Mystiker sehen darin ein gigantisches Potential: „Dein ganzes Leben muss ein Leben der Sehnsucht sein“. Wir sehnen uns danach, zur Quelle zurückzukehren, wo alles in seiner Ganzheit umarmt ist. Weil wir im Augenblick eine perfekte, schöne Welt nicht vollständig erleben können, müssen wir uns strecken, nach ihr greifen, uns eben sehnen. Das Herz leidet, weil es seine wahre Liebe nicht vergessen hat. Wir brauchen den süßen Schmerz im Herzen, der uns den Weg nach Hause zeigt. Er erweckt unser Herz zur Einheit der Liebe, dem wahren Wunder des Lebens. Bei den Sufi bedeutet das Erwachen: Wir erkennen unsere eigene Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden. Es ist der Ruf der Liebe, zu unserer Quelle zurückzukehren, wo wir immer ganz sind.

Wie der Finger, der auf den Mond zeigt
Diese Sehnsucht erinnert an Buddhas Vergleich mit dem Finger auf den Mond bzw. auf das Bewusstsein zu zeigen. Das Bewusstsein / der Mond ist von Natur aus hell und erleuchtet. Der Finger – die buddhistische Lehre – ist dunkel, nicht erleuchtet. Wir sollten nicht nur auf den Finger schauen, sondern die Lehren nutzen, um zu verstehen, worauf sie hinweisen. Erst indem wir uns auf das Bewusstsein einlassen, können wir es selbst erkennen. Auch die Liebe kann nicht vom Verstand begriffen werden. Liebe ist die Kraft, die uns öffnet und verändert, uns berauscht und verwirrt, die uns wegführt vom Gefängnis unseres begrenzten Selbst. Sie führt zu Freiheit und Ganzheit unserer Natur.

Die Welle und die Tiefe des Ozeans sind Wasser
Indem wir unsere Natur erkennen, so wie wir wirklich sind, können wir dauerhaft Frieden und Glück finden. Dann ist die Wirklichkeit nicht nur eine Vielfalt vergänglicher Phänomene sondern auch ein unendliches, unteilbares Ganzes, das aus Bewusstsein besteht. In der Meditation am Montag werden wir beide Aspekte als Tun und Sein im Gleichgewicht erleben.

Gerald Blomeyer, Berlin, 8. April 2022

 

Photo by david drevenka on Unsplash

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