Dalai Lama, Eva Etta und Gerald Blomeyer, Schneverdingen 1998, (c) Jens Nagels

 

Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung.“ – Oscar Wilde

Ich habe einen Traum.“ – Martin Luther King

Ich vermisse dich so unbeschreiblich, mein Schatz!“ – fast jeder

 

Sehnsucht bedeutet, sich getrennt zu fühlen

Sehnsucht ist das schöne, aber auch quälende Gefühl, nicht erfüllt zu sein. Wir vermissen eine bestimmte Person oder Situation. Das kann Herzschmerz verursachen oder uns die Kraft zum Handeln geben.  Das Ersehnte ergreift von uns so tief Besitz, dass wir an allem anderen das Interesse verlieren. Für unsere Sehnsucht reicht das, was jetzt da ist, nie aus.

Ist das Leben lebenswert, wenn unsere Sehnsucht nicht gestillt wird?

Verbunden mit Melancholie und Schwermut, ist dieses innige und schmerzliche Verlangen ein sehr deutsches Gefühl. Wir kennen es aus der Romantik bei Caspar David Friedrich, der blauen Blume von Novalis oder aus tausenden von Büchern, Bildern und Gedichten. Obwohl alles kommt und geht, sehnen wir uns nach etwas, das langfristig bleibt. Oder wir sehnen uns nach Perfektion, wohl wissend, dass diese unerreichbar ist. Verlorenes soll wieder lebendig werden, wir gieren danach, uns geborgen und vollständig zu fühlen. Die unsichere Welt soll stabiler, festgelegte Abläufe sollen kreativer und unverbindliche Beziehungen zu echter Partnerschaft werden.

Ich war einmal unglaublich in eine Frau verliebt, die sich nicht auf mich einlassen wollte. Eine schmerzhafte Spannung entstand aus meinem Sehnen nach ihr. Ich brauchte sie, um meine Liebe zu leben und mich vollständig zu fühlen. Acht Monate lang habe ich sie kreativ umworben, aber bekam sie nicht. Mit einer Postkarte zog ich den Schlussstrich und schickte sie „auf den Mond“. Danach fühlte ich mich offen, strahlend. Zwei Tage später stand sie vor meiner Tür, und wir haben 15 Jahre lang bis zu ihrem Tod unsere große Liebe gelebt.

Leidest du jetzt?

Im Buddhismus sind Begehren und Unwissenheit die Wurzeln des Leidens. Die Sehnsucht ist immer nach außen gerichtet, nach sinnlichem Vergnügen, materiellen Gütern und Unsterblichkeit. Das kann niemals befriedigt werden. Frag dich: Leidest du jetzt? Das ist eine kraftvolle Art der Selbstreflexion. Um die Wurzel des Leidens zu verstehen, empfahl der Buddha nachzuforschen. Wenn wir das Leiden sowie dessen Wurzel erkennen, können wir lernen, sie loszulassen. Wenn unser Geist und unser Körper vollkommen ruhig sind, spüren wir, dass wir geerdet sind. Da gibt es weder Verlangen noch Angst. Das ist der natürliche Zustand unseres Seins. Die Sehnsucht wird zu einem aufsteigenden und vergehenden Phänomen, das wir mit Mitgefühl willkommen heißen. Dann können wir uns öffnen, und entdecken, dass wir vollständig und heil sind.

Gerald Blomeyer, Berlin 11. April 2021

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